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Keine Ruhe für Deutschland

Herero beharren auf Entschädigung für Kolonialverbrechen

Vor einem Jahr entschuldigte sich die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul für die Verbrechen, die das Deutsche Reich vor hundert Jahren an den Herero (im heutigen Namibia) begangen hatte. (Die Rede haben wir hier dokumentiert: "Politische und moralische Verantwortung dokumentieren".) In einem Artikel und Interview geht das "Neue Deutschland" ein Jahr später der Frage nach, was aus den Entschädigungszusagen der Ministerin geworden ist.



Von Petrus Kamburona, Windhoek*

Ein Jahr nach der historischen Entschuldigung der deutschen Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul für die deutschen Kolonialverbrechen im heutigen Namibia, macht sich bei den Herero Enttäuschung breit. Praktische Schritte blieben bisher aus.

Die Erleichterung der Herero war groß: Ganz unerwartet hatte sich Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul vor einem Jahr für die deutschen Kolonialverbrechen vor 100 Jahren entschuldigt und um Vergebung gebeten. Das war am 14. August 2004 bei der Gedenkveranstaltung zum 100.Jahrestag der Schlacht am Waterberg. Wenige Wochen nach jener Schlacht hatte General Lothar von Trotha, der damalige Oberbefehlshaber, seinen berüchtigten Vernichtungsbefehl erlassen. Ein Jahr nach der Rede der Ministerin ist allerdings noch immer nichts greifbar, um der Entschuldigung praktische Versöhnungsschritte folgen zu lassen. Eine relativ spät – im Mai dieses Jahres – vom Entwicklungsministerium in Aussicht gestellte »Initiative für Versöhnung und Entwicklung«, die Entwicklungsprojekte in den Siedlungsgebieten der Herero, Nama und Damara über zehn Jahre mit insgesamt 20 Millionen Euro fördern will, kommt bisher nicht voran.

Die Enttäuschung der Herero weitet sich immer stärker zur Verärgerung aus. Kuaima Riruako, der traditionelle Führer der Herero, ließ seinen Verdruss darüber jetzt in die Forderung münden, Deutschland habe keinen ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat verdient. Auf dem jährlichen Herero-Tag in Okahandja begründete er dies am Sonntag mit der fortgesetzten Weigerung, den Herero Wiedergutmachung zu leisten. Er wiederholte seine alte Forderung, Deutschland müsse die Vernichtung von 80 Prozent der Herero als Völkermord anerkennen und Reparationen zahlen. Er verlangt, dass die Bundesregierung in einen »unverzüglichen, bedingungslosen und ernsthaften Dialog mit dem Ziel eintritt, eine Antwort auf die historischen Untaten zu finden«. Namibias Regierung verschanzt sich gegenüber dem deutschen 20-Millionen-Angebot – das die Nama und Damara einschließen soll – bisher hinter dem formalen Argument, sie sei bislang nicht in schriftlicher Form unterrichtet worden.

Riruako wie auch die stellvertretende Vorsitzende der oppositionellen Kongressdemokraten, Nora Schimming-Chase, erklärten sich das Zögern der Regierung kürzlich in Zeitungsberichten damit, dass diese sämtliche Entwicklungshelfegelder in den Norden leiten möchte, wo die SWAPO ihre größte Unterstützung hat. Nora Schimming-Chase packte geradezu die Wut: »Wo kann man hören, dass ein Land darauf verzichtet, Hilfe zur Entwicklung seiner eigenen unterentwickelten und armen Bevölkerung zu bekommen?« Auch nach 15 Jahren Unabhängigkeit gebe es »überhaupt keine Entwicklungsprojekte im Osten Namibias und im Süden, im Hereroland oder im Damaraland«, stellt sie bitter fest. Ginge es nach ihr, würde die namibische Regierung noch vor den Wahlen in Deutschland ein Abkommen über diese Entwicklungsgelder schließen, damit auch die nächste – wahrscheinlich von der CDU geführte – deutsche Regierung daran gebunden sei.

Informationsministerin Netumbo Nandi-Ndaitwah wies den Eindruck mangelnden Interesses umgehend zurück. »Die Regierung hat Entwicklungshilfe niemals abgewiesen und wird das niemals tun«, ließ sie in einer Presseerklärung verbreiten. Vor einigen Tagen meldete sich in Namibia eine kleinere Herero-Strömung, die der SWAPO nahe steht, erneut mit deutlicher Kritik an Riruako zu Wort. Das Sekretariat von sechs »Königshäusern« der Herero – nach Ansicht von Kennern kaum mehr als größere Clans – widersprach der Ansicht Riruakos, dass die 20 Millionen Euro aus der geplanten Versöhnungsinitiative nicht die Forderung der Herero nach Wiedergutmachung für den Völkermord ersetzen. Ein Sprecher des Sekretariats distanzierte sich von den »eigenmächtigen Aussagen und Handlungen Riruakos«. Riruakos Auftritt auf dem gut besuchten Herero-Tag unterstrich indes, dass er weiterhin der mit Abstand am stärksten unterstützte Herero-Führer ist.

* Aus: Neues Deutschland, 30. August 2005


Hilfe kommt nicht in Gang

Interview mit Herero-Chief Kuaima Riruako*

ND: Wie beurteilen Sie Deutschlands Umgang mit den Herero?

Deutschland kann sich nicht durch einen Minister für Gräuel, Brutalitäten und Völkermord entschuldigen und dann sagen, es gebe mit Ausnahme von Versöhnung und Projekten nichts weiter zu bereden, besonders, wenn die Herero die Frage der Reparation für all die zugegebenen Grausamkeiten aufwerfen. Ich sage: Lasst uns hinsetzen und einander in die Augen sehen und sprechen und verhandeln und die Sache zu einem Abschluss bringen.

Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul hat sich vor einem Jahr bei der Gedenkfeier an die Schlacht am Waterberg für den Völkermord der Deutschen entschuldigt. Würden Sie das als einen Durchbruch bezeichnen?

Ja, das würde ich sagen. Das hatte noch niemand aus Deutschland öffentlich gesagt, und Heidemarie war so mutig, das als Ministerin zu sagen. Sie tat es zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands.

Seither hat sich wenig getan.

Eigentlich hätte ein Dialog beginnen sollen, doch nach ihrer Entschuldigung, die ich angenommen habe, geschah nichts. Es ging nicht weiter.

Das hängt wohl auch damit zusammen, dass das namibische Kabinett die von der deutschen Regierung geplante Initiative für Versöhnung und Entwicklung bisher noch nicht gebilligt hat.

Ich sehe das mit Sorge. Die Zusage von 160 Millionen Namibia-Dollar (20 Millionen Euro, d. Red.) war als Geste und für Entwicklungsprojekte für die Herero, Nama und Damara gedacht. Ohne unsere Regierung können wir das aber nicht machen.

Was könnten Gründe für das Zögern sein?

Eigentlich könnte unsere Regierung glücklich sein. Unser Präsident könnte zustimmen, dass die drei genannten Bevölkerungsgruppen das bekommen. Die Regierung hätte gute Gründe, ihr Einverständnis zu geben.

Und warum tut sie es nicht?

Offensichtlich, weil dieses Geld nicht in den Norden geht (»der Norden« gilt in Namibia als Synonym für die Ovambo-Bevölkerung, d.A.). Aber alles Geld ging bisher in den Norden! 600 - 800 Millionen Namibia-Dollar der deutschen Regierung gingen in den Norden, um jenen Menschen zu helfen, die vernachlässigt worden waren. In diesem Fall sagte die deutsche Ministerin, dieser Betrag geht in die Gebiete der Opfer (der kolonialen, d.A.). Unsere Regierung sollte sich eigentlich darüber freuen und das Angebot annehmen.

Fragen: Petrus Kamburona

* Aus: Neues Deutschland, 30. August 2005


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