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Angriff auf Al-Fouah

In dem kleinen syrischen Ort verschlechtert sich angesichts permanenter Attacken die Situation für die Bewohner

Von Karin Leukefeld, Damaskus *

Seit Monaten steht der syrische Ort Al-Fouah in der Provinz Idlib im Norden Syriens unter Beschuss. Darüber, wer dort aus welchen Gründen angegriffen wird, wird in sozialen Netzwerken viel spekuliert. Im September vergangenen Jahres verbreitete das der Opposition zugerechnete »Shaam News Network« ein Video. Dessen Nachrichtenwert war an und für sich gering: Es zeigte zwei Minuten lang, wie in einem ruhig in der Dämmerung daliegenden Städtchen Mörsergranaten einschlugen. Jeder Treffer wurde von einer männlichen Stimme mit einem »Allah Akhbar« quittiert. Interessant sind dagegen die Kommentare: »Idlib-Rebellen bombardieren die schiitische Enklave Al-Fouah«, schrieb »markito0171« zu den Aufnahmen per Twitter. Das höre sich so an, als würden Zivilisten bombardiert, antwortete ein gewisser »SebastianX«. »Tatsächlich zerstören sie Befestigungsanlagen von einem berüchtigten Schabiha-Nest«. »Schabiha« werden in Syrien Milizen genannt, die im Auftrag der Regierung oder von Geheimdiensten arbeiten. 2010 hatte Präsident Baschar Al-Assad dafür gesorgt, dass diese noch zur Amtszeit seines Vaters Hafis Assad gegründete Truppe weitgehend aufgelöst worden war.

Derartigen Vermutungen widerspricht Ali (Name geändert) aus Al-Fouah. Die früher etwa 20.000 Einwohner des kleinen Ortes waren oder sind keine »Schabiha«, sondern Schiiten, wie der 32jährige gegenüber junge Welt am Telefon berichtet. Durch den Zuzug von vielen Inlandsvertriebenen ist die Einwohnerzahl mittlerweile auf 40.000 angestiegen. »Wir werden von den Terroristen attackiert, weil wir hinter der Regierung stehen und weil wir Schiiten sind«, ist Ali überzeugt. »Seit zwei Monaten wird Al-Fouah angegriffen und von den Terroristen rundum belagert. Viele unserer Einwohner wurden durch Mörsergranaten und Raketen getötet, die zu Hunderten hier niedergehen. Es ist ein Alptraum. Und niemand bei den Massenmedien spricht über die humanitäre Lage.«

Es gebe »nichts zu essen, kein Brot, keine Milch für die Babys, keine Medizin, kein Benzin, kein Wasser, kein Gas (zum Kochen, jW)«, fährt Ali fort. Die Regierung versuche zwar, eine gewisse Versorgung per Hubschraubereinsatz zu garantieren, »aber die Verletzten müssen in Krankenhäuser gebracht werden, die wir hier nicht haben. Die Terroristen greifen uns an und drohen, uns abzuschlachten. Wir können nichts tun, nur warten.«

Seit er denken könne, hätten die Leute in der Region in guter Nachbarschaft gelebt, berichtet Ali, doch nun werde »die konfessionelle Karte gespielt«. Er habe noch immer dieses Gefühl der »guten Nachbarschaft«, und so ginge es den meisten, die er kenne. »Doch jetzt gibt es Leute aus dem Ausland, aus vielen Staaten, und ich glaube auch, dass Geld eine Rolle spielt. Und natürlich die Waffen.«

Seine Wohnung sei vor zwei Monaten bei einem Granatenangriff zerstört worden, erzählt Ali, der jetzt bei der Familie seiner Schwester lebt. »Wenn ich kann, werde ich Syrien verlassen, und zwar für immer«, meint er schließlich. »Ich glaube nicht, dass ich hier in Zukunft noch leben kann.«

Dutzende Syrer protestierten am vergangenen Samstag vor der Vertretung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Damaskus. Am Rawda-Platz, an dem auch die seit 2011 geschlossene US-Botschaft liegt, hielten sie Plakate, Transparente und syrische Fahnen in die Höhe und forderten die Vereinten Nationen auf, ihr Schweigen über die Belagerung von Al-Fouah und der Nachbarstadt Kifraya endlich zu brechen. Sie kritisierten die Türkei und Jordanien dafür, dass die beiden Staaten weiterhin Terroristen in Syrien unterstützten. Die Demonstranten forderten, mehr Druck auf die genannten Staaten auszuüben, damit diese die Grenzen nach Syrien respektierten und nicht verletzten.

Der türkische Außenminister Mevlüt Çavusoglu sagte derweil am Wochenende bei einem Besuch in Korea, seine Regierung habe sich »im Prinzip« mit den USA auf Luftunterstützung für die »Rebellen« geeinigt, die in Syrien gegen den »Islamischen Staat« (IS) kämpfen sollten. Wie das umgesetzt werde, sei »Sache der Armee«, so der Minister. »Wenn man sie nicht aus der Luft schützt und unterstützt, macht die ganze Sache keinen Sinn.« Die USA haben zugestimmt, 15.000 Kämpfer auszubilden und zu bewaffnen, lehnen eine »Schutzzone« für diese Kämpfer allerdings ab, wie die Türkei sie fordert. Çavusoglu sagte, es sei zwar wichtig, gegen den IS zu kämpfen, doch »das Regime muss auch gestoppt werden«.

* Aus: junge Welt, Mittwoch, 27. Mai 2015


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