Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Ungleichheit macht krank, nicht Armut

Bundesweiter Kongress in Berlin untersucht Verwirklichungschancen für Gesundheit

Von Ulrike Henning *

Am Freitag (3. Dez.) hat in Berlin der zweitägige Kongress »Armut und Gesundheit« begonnen. Er ist mit über 2000 Teilnehmern den Veranstaltern zufolge die größte Public-Health-Veranstaltung in der Bundesrepublik.

Beim 16. Kongress »Armut und Gesundheit« geht es um präventive Gesundheitspolitik, die Vorstellung konkreter Projekte und häufig benachteiligte Zielgruppen. In etlichen Veranstaltungen wurde versucht, die Chancen für Gesundheit mit den sozialen Bedingungen zu verknüpfen.

Dabei war das Buch »Gleichheit ist Glück« der britischen Epidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pickett Ausgangspunkt einer Debatte darüber, in welchen Bündnissen weniger Ungleichheit in der Gesellschaft erreicht werden könnte. Während der 2009 erschienene Bericht in den USA, Schweden oder Großbritannien schon zu den wichtigsten Büchern der letzten Dekade gerechnet wird, ist das deutsche Echo bisher eher verhalten. Dieter Lehmkuhl von der Organisation »Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges« (IPPNW) erläuterte einige der britischen Befunde: Das empirische Material belege, dass es in Gesellschaften mit größerer Einkommensgleichheit allen Schichten gesundheitlich und sozial besser gehe. Dort gebe es etwa eine höhere Lebenserwartung, eine geringere Kindersterblichkeit, weniger Teenagergeburten, psychische Krankheiten und Tötungsdelikte. Die Daten beruhen unter anderem auf Untersuchungen der WHO, von UNICEF oder stammen aus den PISA-Vergleichen.

Aus Sicht von Rolf Rosenbrock, Ökonom und Gesundheitsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin, ist es bei Bewertung dieser Daten besonders wichtig, dass weniger die Hilfe für die Armen zu Verbesserungen etwa bei deren Gesundheit führt, sondern eben die Verringerung von Ungleichheit. Alle Gesundheitspolitik könne nicht gegen die aktuelle, sehr starke Dynamik sich verschlechternder Arbeitsmarkt- und Bildungschancen aufkommen. »Selbst wenn alle auf diesem Kongress auf dem Gebiet der Gesundheitsförderung alles machen würden, was sie wollten, könnte die vorhandene Ungleichheit nur zum Teil kompensiert werden«, so Rosenbrock. Die Privaten Krankenversicherungen nannte er in diesem Zusammenhang eine »marktförmig organisierte Form der Integrationsverweigerung«. Die nunmehr noch deutlichere Verbindung von sozialer Ungleichheit und schlechten Gesundheitschancen müsse als Thema zurück in die Politik gebracht werden.

Einkommenspolitik sei jedoch nicht allein den Gewerkschaften zu überlassen und auch nicht von diesen zu leisten, erklärte Horst Schmitthenner von der IG Metall. Es gebe immer mehr Bereiche, in denen Gewerkschaften keinen Einfluss mehr hätten. So erhalte schon jeder Fünfte der 30 Millionen Lohnabhängigen weniger als 8,50 Euro Stundenlohn. Genannt werden müssten auch die 1,4 Millionen Aufstocker, die zu ihren geringen Löhnen Hartz-IV-Leistungen beziehen müssten. Wer heute im Bereich der Einkommen oder des steuerlichen Ausgleichs die Politik verändern wolle, müsste sich zunächst klar machen, dass seit 1980 die Lohnsteuern von 15,8 auf 18,5 Prozent angehoben worden seien, die Steuern auf Gewinn und Vermögen aber von 15,3 auf 8,6 Prozent gesenkt wurden. Neue Bündnisse müssten zwar die Gewerkschaften einbeziehen, darüber hinaus aber auch viele andere Gruppen der Zivilgesellschaft wie Sozialverbände, Kirchen und Globalisierungskritiker – und auch die bürgerliche Mitte.

* Aus: Neues Deutschland, 4. Dezember 2010


Zurück zur Armuts-Seite

Zurück zur Homepage